Hamann Classic Cars | Bella Macchine in Toscana: Eine Ausfahrt mit drei Ikonen
1883
post-template-default,single,single-post,postid-1883,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,qode_grid_1300,footer_responsive_adv,qode-content-sidebar-responsive,qode-theme-ver-17.2,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.6,vc_responsive
 

Bella Macchine in Toscana: Eine Ausfahrt mit drei Ikonen

Bella Macchine in Toscana: Eine Ausfahrt mit drei Ikonen

Ach, die wunderschöne Toskana! Kaum eine italienische Region ist so beliebt wie die in Mittelitalien liegende Toskana mit berühmten Städten wie Florenz, Livorno, Pisa oder Siena. Hier finden sich einige der bekanntesten Renaissance-Kunstwerke und -Gebäude der Welt wie die berühmte David-Statue Michelangelos, die Werke Botticellis in den Uffizien und die Kathedrale von Florenz. Auch szenisch hat die Toskana so einiges zu bieten. So erstreckt sich die vielfältige Naturlandschaft von den rauen Apenninen über die Strände der Insel Elba am Tyrrhenischen Meer bis zu den Olivenhainen und Weinbergen der Chianti-Region. Die Toskana ist immer eine Reise wert und bildet die perfekte Kulisse für eine Vielzahl von Ausfahrten.

Wenn man die Gelegenheit bekommt hier eine zu gestalten, sollte man nicht lange fackeln. So ergab es sich, dass der Autor dieses Textes bei einem gemütlichen Mittagessen mit Thomas Hamann, einem renommierten Händler besonderer klassischer Sport- und Rennwagen, über eine seiner Lieblingsikonen schwadronierte: den Maserati 3500 GT Vignale Spyder. Als ich mich zur Aussage hinreißen ließ, dass kein anderes Cabriolet aus jener Zeit dem Maserati an Eleganz und Kultur das Wasser reichen könne, musste Hamann widersprechen. Der Maserati sei ein großartiges Auto, gestand er ein, wollte aber meine Aussage in seiner Unbedingtheit so nicht stehen lassen. Das hieraus resultierende (nicht ganz ernst gemeinte) Streitgespräch sollte Folgen haben. Wenige Tage später rief Hamann an und lud zu einer Reise nach Italien ein. Im Auftrag eines Kunden bietet er derzeit den von mir so hoch geschätzten Maserati zum Kauf an (siehe www.hamannclassiccars.com). Das Fahrzeug stehe in der Toskana bereit und könne einmal, im Rahmen einer Ausfahrt, mit zwei anderen offenen italienischen Sportwagen seiner Zeit verglichen werden. Unnötig zu erwähnen, dass ich einschlug und so landeten wir wenige Tage später am Flughafen „Amerigo Vespucci“ in Florenz.

  

In der Nähe von Buonconvento in der Region Siena erwartete uns wenig später der Besitzer des Maserati in seiner Villa. Ebenfalls erwarten sollten uns zwei weitere Fahrzeuge, über die sich Hamann aber bis zuletzt in Schweigen hüllte. Kurz vor Ankunft in dem malerischen toskanischen Anwesen stieg die Spannung und Vorfreude ins Unermessliche. Und schließlich offenbarte sich das Geheimnis als wir die lange Einfahrt zur Villa hinein fuhren. Frisch gewaschen standen hier drei atemberaubend schöne Fahrzeuge zur Ausfahrt bereit: der angekündigte Maserati 3500 GT Vignale Spyder, ein Lancia B24S Cabriolet und ein Ferrari 275 GTS. Bella macchine! Drei Ikonen, die zwar eine ähnliche DNA aufweisen und doch unterschiedlicher kaum sein könnten. Alle drei offenen Sportwagen präsentieren sich im feinsten italienischen Zwirn, sind gut motorisiert und sind Meilensteine der italienischen Fahrkultur. Sie stehen für „Dolce Vita“ und den exklusiven Lifestyle der großen Hollywoodlegenden der 1950er und 1960er Jahre. Ins Auge fiel mir allen voran der Ferrari. Schon beim Aussprechen des Markennamens bekommen gestandene Petrolheads feuchte Augen. Jedes Kind träumt doch davon einmal im Leben einen Ferrari fahren zu dürfen, und so bekam auch der kleine Junge in mir beim bloßen Anblick vor Vorfreude eine Gänsehaut.

  

Nach einer freundlichen Begrüßung und ersten Inspektion der Fahrzeuge ging es auch schon los. Wir vereinbarten die Ausfahrt in drei Etappen rund um Montalcino aufzuteilen. Zwischen jeder Etappe würden wir die Fahrzeuge tauschen, damit sich jeder sein eigenes Bild von jedem Fahrzeug machen könne. Meine erste Etappe durfte ich im Maserati 3500 GT Vignale Spyder absolvieren. Ich startete den Motor und der kräftige Sechszylinder begrüßte mich mit einem freundlichen Fauchen. Sofort stellten sich meine Nackenhaare auf. Ich umfasste den schlanken Schalthebel, legte den ersten Gang ein und fuhr sanft los. Sehr kultiviert und elegant mit sattem Klang: genau so hatte ich es mir vorgestellt. Nach einigen Kilometern ließen wir die holprige Nebenstraße hinter uns und bogen auf die geteerte Hauptstrasse ab. Der Besitzer der Fahrzeuge fuhr im Ferrari voran und trat sofort kräftig aufs Gas. Ich tat ihm gleich und der Maserati machte einen ordentlichen Satz nach vorne. Die Basis des Fahrzeugs ist ein luxuriöser Grandturismo, der 1957 erstmals in Genf der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Der Auftrag zur Produktion eines Cabriolets ging an die Carrozzeria Vignale in die Verantwortung des legendären Automobildesigners Giovanni Michelotti, der eine eigenständige Karosserie entwarf, dessen Prototyp im März 1959 präsentiert wurde und nur ein Jahr später in die Serienproduktion ging. Motorisiert wird der Maserati von einem Reihensechszylinder, der mit zwei obenliegenden Nockenwellen und drei Doppelvergasern aus 3,5 Litern Hubraum rund 240 PS schöpft und 230 km/h Höchstgeschwindigkeit ermöglicht. Die dürften nur sehr mutige Fahrer ausgeschöpft haben. Doch an Leistung fehlt es dem Maserati ganz gewiss nicht – dennoch ist er eher ein Cruiser als ein Racer.

   

Mitten im alten Kern der malerischen Stadt Montalcino tauschten wir die Fahrzeuge. Es sollte für mich nun im Ferrari 275 GTS weiter gehen. Der V12-Motor startete mit einem satten und kräftigen Brüllen. Die Akustik, wenn die drei Weber Doppelvergaser die Ansaugluft verschlangen, wirkten dermaßen selbstbewusst, als würde der Ferrari erst gar keine Konkurrenz kennen. Eine wahre Freude war die offene Schaltkulisse und das Knallen von Metall auf Metall beim Gangwechsel. Und tatsächlich: auch, wenn der Maserati dem Ferrari an Hubraum und PS kaum nachsteht, ist die doppelte Zylinderzahl nicht weg zu diskutieren. Der Ferrari war heute der Platzhirsch. Was ihm an Eleganz fehlen mag, macht er mit Leistung wett. Eine pure, laute und schnelle Fahrmaschine, die unendlich Spaß machte. Der Spider wurde gemeinsam mit dem 275 GTB im Oktober 1964 im Rahmen des Pariser Automobilsalons der Öffentlichkeit präsentiert. Das Design erinnert an den Berlinetta, wobei der 275 GTS weichere, eher konservative Formen aufweist. Das Triebwerk entsprach dem des 275 GTB: ein V12-Motor mit einer obenliegenden Nockenwelle und 3,2 Litern Hubraum der eine Leistung von 260 PS auf die Straße bringen sollte. Kurz zusammengefasst: atemberaubendes Automobildesign, 12 Zylinder, ordentlich Leistung und ein schwarzes, aufbäumendes Pferd auf gelbem Grund auf der Motorhaube. Was will man also mehr?

  

Fast widerwillig tauschte ich bei der nächsten Station den Ferrari gegen den im Vergleich zierlich wirkenden Lancia. Doch was sich mir jetzt bot, wurde die große Überraschung des Tages: der Lancia sollte sich als der kultivierteste der drei reifen italienischen Herren herausstellen. Ich nahm hinter dem feingliedrigen Lenkrad Platz und drückte den Schlüssel zum Starten ins Zündschloss. Der Motor setzte sich unmittelbar mit sportlicher Geräuschkulisse in Gang. Die Gänge folgten dem üblichen H-Schema und ließen sich problemlos einlegen während die Pedale kaum Muskeleinsatz forderten. Bereits zwölf Jahre vor dem Ferrari präsentierte Lancia 1954 auf der Automobilmesse in Brüssel einen zweisitzigen Roadster als Spyder auf der Plattform seiner Aurelia. Auch diese Karosserie stammt von Pininfarina. Seitens der Technik bediente man sich an der fortschrittlichen Aurelia Limousine mit seinem V6-Motor und dem Getriebe an der Hinterachse (Transaxle). Doch trotz des herausragenden Designs und der modernen Technik lief der Verkauf vergleichsweise schleppend. Neben seinem sehr hohen Preis waren womöglich das umständliche, nicht regenfeste Verdeck sowie die seitlichen Steckfenster und ein hakeliger Seilzug zur Türöffnung ausschlaggebend für den mäßigen Erfolg. Nur ein Jahr später wurde der Spyder schließlich vom B24S Cabriolet abgelöst, der, was die Karosserie betraf, ein fast komplett neues Auto war. Kaum ein Blechteil konnte vom Vorgänger übernommen werden. Das Faltverdeck war nun stabil und (relativ) dicht, es gab eine konventionelle Frontscheibe mit vorderen Ausstell- und seitlichen Kurbelfenstern, Türgriffen innen und ein komplett überarbeitetes Armaturenbrett. Auch äußerlich gab es einige Veränderungen wie deutlich tiefere Türausschnitte und durchgängige Stoßfänger. Auch, wenn das Fahrzeug schwerer wurde und die Leistung von 118 auf 110 PS sank, brachten die Veränderungen offensichtlich den gewünschten Erfolg. Jedenfalls verkauften sich vom Cabriolet immerhin 521 Exemplare. Auf den ersten Blick schien der Lancia gegen die geballte Power eines 12-Zylinder-Ferraris keine Chance zu haben – am Ende wird es aber dieses Fahrzeug sein, das mich am meisten überraschte und beeindruckte. Ohne Frage ließ sich der Lancia am Entspanntesten bewegen und konnte dabei auch bei sportlichen Passagen mit Maserati und Ferrari problemlos mithalten.

  

Wir hatten uns für unsere Ausfahrt einen der heißesten Tage des Sommers ausgesucht und uns zusätzlich neben langgezogenen Landstraßen immer wieder für holprige, staubige Seitenstraßen entschieden. Dass wir die Fahrzeuge geschont hätten, kann man also wahrlich nicht behaupten. Dennoch haben alle drei die sportliche Ausfahrt bravourös gemeistert. Nach einer ausgiebigen Autowäsche verabschiedeten wir einen unvergesslichen und benzinreichen Tag bei einer Flasche Wein und hervorragenden Steaks im Ristorante Campo Del Drago des Castiglion del Bosco. Und während die Sonne sich langsam hinter die sanften Hügel zurück zog, musste ich Hamann recht geben: der Maserati ist nach wie vor ein absolut wunderbares Auto aber nach der heutigen Ausfahrt hat er für mich ernstzunehmende Konkurrenz bekommen.

  

Text: Joerg Lichtenberg, Fotos: Paolo Carlini

Erschienen in der Kategorie “FUELISH Auszeit” im OCTANE Magazin, Ausgabe #36, Oktober 2019: hier geht es zum PDF des Artikels.